Hinrichtungen 2018: min. 690 plus 'Tausende' in China

Troy Kunkle

*27.05.1966 †25.01.2005

Nachdem bei Kunkles 6. Hinrichtungstermin der US Supreme Court noch einmal über den Fall beraten hatte, wurde Kunkle um 2 Stunden nach dem geplanten Termin um 20:12 Uhr Ortszeit in Huntsvillle mit der Giftspritze hingerichtet.

Christa Haber (Mitglied der Initiative gegen die Todesstrafe e.V.) setzte sich mehrere Jahre für den texanischen Todestraktinsassen Troy Kunkle ein. Sie besuchte ihn regelmäßig im Gefängnis und organisierte eine Online Petition für ihn.

Da Troy Albert Kunkle in Deutschland geboren wurde, erregte seine geplante Hinrichtung am 7.7.04 auch das Interesse der deutschen Medien, denen Hinrichtungen in den USA sonst eher selten eine Meldung wert ist.

Es erschienen Artikel über Troy Kunkle und Christa Haber in "Bild", "Stern", "Bild am Sonntag", "Münchener Abendblatt" und vielen anderen Zeitungen, sowie Fernsehbeiträge in ARD, RTL, PRO 7 und ein Interview mit der Vorsitzenden der GCADP Britta Slopianka auf N24.

In den Tagen um den Hinrichtungstermin erreichte unsere Website Zugriffszahlen, wie nie zuvor. Ausserdem schrieben uns viele Leser, um Ihre Ablehnung der Todesstrafe zum Ausdruck zu bringen.

Es freut uns natürlich, das der Fall des in Deutschland geborenen Troy Kunkle dazu beigetragen hat, den Blick der deutschen Öffentlichkeit auf die barbarische Praxis der Todesstrafe in den USA zu lenken. Gleichzeitig sind wir aber auch sehr verwundert, wie ungenau bzw. falsch selbst in großen Zeitungen und in Fernsehbeiträgen über die Todesstrafe in den USA berichtet wurde.

Lesen Sie Christa Habers Bericht über einen Besuch im Todestrakt hier.

7.7.2004:
Der US-Supreme Court stoppt die für den gleichen Tag angesetzte Hinrichtung Kunkles. Weitere Einzelheiten lesen Sie hier.

Texas: Freudentränen im Todestrakt

HUNTSVILLE Todeskandidat Troy Albert Kunkle und Christa Haber saßen durch eine Glasscheibe getrennt, hielten die Telefonhörer in den Händen. Die Münchnerin (41) versuchte dem Todgeweihten, der an diesem Tag sterben sollte, Trost zu spenden.

Es war kurz nach zehn Uhr Ortszeit, acht Stunden vor der geplanten Todes-Injektion, als die Tür zum Besucherraum im Todestrakt von Livingston, Texas, aufgerissen wurde.

Christa Haber zur AZ: "Troys Anwalt kam hereingestürmt und rief nur ein Wort: ‘Stay!’ Wir wussten alle, was das bedeutet: Aufschub. Troy jubelte hinter der Glasscheibe, Troys Mutter Judy brach in Tränen aus und ich konnte mich auch nicht mehr beherrschen."

Troy fasste sich und sagte: "Ich will für meine Mutter weiterleben."

Der Richter des US-Supreme Court, Antonin Scalia, hatte einen Aufschub der Hinrichtung des wegen Raubmordes zum Tode verurteilten Troy Kunkle (38) verfügt. Das Gericht will zunächst die Eingabe von Troys Anwalt Robert McGlasson prüfen. Das kann aber erst nach den Gerichtsferien im August geschehen. Dass die Tat im Drogen- und Alkoholrausch geschah, wurde nicht ausreichend berücksichtigt, und darum haben wir erneut für die Umwandlung in Lebenslang geklagt, erklärte McGlasson der AZ.

Ohne Christa Haber, die seit drei Jahren für Kunkle kämpft, ist diese Entwicklung kaum vorstellbar. Vor einem Jahr wollte es die Diplom-Pädagogin nicht mehr bei ermutigenden Briefen belassen, sondern verließ ihr Münchner Zuhause am Rosenheimer Platz, zog mit ihrem Mann Heiko in die Nähe des Gefängnisses von Kunkle und machte dort eine Pension für Besucher des texanischen Todestraktes auf.

Christa Haber weiß, was sie tut: "Ich will nichts bagatellisieren. Aber Troy war 18. Wir machen alle Dummheiten in dem Alter."

Aber Mord?

"Ja, er hat den Knast verdient“, antwortet sie. Auch lebenslang, er hat getötet. Aber niemand, auch nicht die USA, hat das Recht, ihn auch zu töten.

Deswegen kämpft sie gemeinsam mit der deutschen Initiative gegen die Todesstrafe, hat eine Online-Petition (www.petitiononline.com/troy07/petition.html) ins Internet gestellt mit der Bitte an den texanischen Gouverneur Rick Perry, Troy zu begnadigen.

Christa Haber hatte wenige Tage vor der geplanten Exekution eine erste Unterzeichner-Liste beim Gouverneur abgegeben. Doch eine Antwort blieb ihr der Verfechter der Todesstrafe bislang schuldig.

Verhaltene Freude bei Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly: "Natürlich ist es eine Erleichterung. Aber mehr als ein Aufschub ist es im Moment nicht. Man wird abwarten müssen.“

Wie ging es Troy am Tag seines angekündigten Todes?

"Er war sehr gefasst", erinnert sich Christa Haber an ihr Gespräch vor der geplanten Exekution. "Troy ist in den Jahren seiner Haft sehr gläubig geworden."

Nach dem ersten Jubel kamen bei dem gebürtigen Nürnberger dann zwiespältige Gefühle auf. Denn der Aufschub bedeutet keine Entscheidung gegen die Hinrichtung. Troy will zwar weiterleben, aber die Hölle in der Todeszelle hält er nicht aus. Die Erniedrigungen und die Gewalt durch die Wärter sowie die quälende Wartezeit bis zum möglichen nächsten Termin, das alles macht ihn verrückt.

J. Schneider/F. Rechtmann
Münchner Abendzeitung, 9.7.2004

4.10.04:

Texas: US Supreme Court lehnt Berufung von Troy Kunkle ab

Kurz vor der geplanten Hinrichtung am 7. Juli stoppte Richter Antonin Scalia vom US- Supreme Court die Hinrichtung von Troy Kunkle, dessen Anwälte argumentiert hatten, dass die Jury, die Kunkle 1984 zum Tode verurteilt hatte, nicht die Möglichkeit hatte, Kunkles Drogenmissbrauch zu berücksichtigen.

Scalia leitete Kunkles Petition zur erneuten Begutachtung an den vollzähligen Supreme Court weiter, der sich damals in Gerichtsferien.befand. Am 4. Oktober teilte der Supreme Court seine Ablehnung einer weiteren Prüfung des Falls mit.

Es besteht nun die Gefahr, dass ein neuer Hinrichtungstermin festgesetzt wird. Kunkles Anwalt will nun den Fall noch einmal einer niedrigeren Instanz vorlegen. Die Erfolgsaussichten sind allerdings als eher gering anzusehen, da dieses Gericht schon einmal eine Berufug von Kunkle abgelehnt hat.

8.10.04

Als neuer Hinrichtungstermin für Troy Kunkle wird der 18. November 2004 festgelegt.

12.11.04:

Christa Haber wird als Zeugin der Hinrichtung Troy Kunkles am Donnerstag anwesend sein. Am 12.11. erhielt sie das offizielle Schreiben des "TDCJ Chaplaincy Department", das für den geistlichen Beistand in texanischen Gefängnissen zuständig ist.

18.11.04:

Stay in letzter Minute

Nur 40 Minuten vor der geplanten Hinrichtung erhielt Troy Kunkle einen Aufschub durch den Supreme Court.

Nach seinen Gefühlen befragt sagte Kunkle: "Exstatisch. Lobet den Herrn!"

Kunkles Anwälte hatten damit argumentiert, dass Kunkles Fall neu beurtelt werden müsse im Hinblick auf die Nichtberücksichtigung strafmildernder Umstände. Der US-Supreme Court hatte in dieser Woche zwei texanisiche Todesurteile aufgehoben, weil in beiden Fällen während der Verfahren vor dem texanischen Berufungsgericht, strafmildernde Umstände nicht hinreichend berücksichtigt wurden.

Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr wurde die Hinrichtung Troy Kunkles kurz vor dem Termin aufgehoben.

Der Tag X

Der Tag X

Ein Bericht über eine bevorstehende Hinrichtung
Donnerstag, 18. November 2004

Heute soll Troy Kunkle, der seit 20 Jahren im Todestrakt in Livingston, Texas einsitzt, hingerichtet werden.

Es ist früh am Morgen, ich habe keine einzige Sekunde geschlafen und bin irgendwie "neben mir". Ein lieber Anruf aus Deutschland soll mich über den Tag hinweg trösten. Danke, Ulli!

7.45 Uhr, ich setze mich in mein Auto und fahre ins Gefängnis. Dort angekommen, ist mir nicht einmal klar, wie ich das geschafft habe, wie ich überhaupt dorthin gekommen bin .... auf jeden Fall stehe ich auf dem Parkplatz, rauche eine letzte Zigarette und merke, dass meine Hände zittern. Ich bin sehr nervös und aufgeregt. Ich betrete das Gefängnis, gebe meinen Pass ab, muss nicht einmal den Namen des Insassen nennen. Ich passiere anstandslos alle Sicherheitsschleusen und stehe im Besucherraum. Der Platz vor Troy’s booth wird gleich frei gemacht, so dass ich ihn sofort begrüßen kann. Es geht ihm gut, sagt er, er hat Frieden und ist glücklich dass wir alle, seine Mutter, sein Onkel zwei alte Schulfreundinnen und ich ihn auf seinem letzten Weg begleiten werden. Wir unterhalten uns abwechselnd mit ihm. Die Stimmung ist nicht einmal schlecht.

Kurz vor 12 Uhr betreten 3 Wärter den Raum, stellen sich ruhig hinter Troy’s Box und warten, bis wir uns alle verabschiedet haben. Es fließen die ersten Tränen – wir verlassen das Gefängnis.

Auf dem Parkplatz sehe ich am hinteren Rand in der Nähe der Strasse den vergitterten Gefängniswagen, der Troy Kunkle nach Huntsville fahren wird. Ich versuche näher heranzufahren..... bis sich mir ein officer in den Weg stellt und mir verbietet, mich näher heranzuwagen. Er droht mir sogar mit einer längeren Gefängnisstrafe ...

Ich verlasse den Parkplatz, fahre auf die Strasse, halte am rechten Straßenrand und beobachte, wie Troy gefesselt an den Füssen und an den Händen in das Auto gebracht wird. Tränen laufen über mein Gesicht.

Ich fahre nach Hause, schaffe es gerade noch, meine schwarze Trauerkleidung anzuziehen, mir die Tränen aus Augen zu wischen, durch meine Haare zu fahren und mich wieder ins Auto zu setzen, um nach Huntsville in das Hospitality House zu fahren. Meine Freundin Gwen und ihre 2 Kinder erwarten mich dort bereits.

Wir betreten gemeinsam das Hospitality House, versorgen uns mit Kaffee und reden zusammen. Belangloses Zeug, an das ich mich nicht einmal mehr erinnern kann. Troy’s Verwandtschaft und die 2 Freunde sitzen am Nachbartisch, an dem lediglich 4 Stühle stehen.

Nach kurzer Zeit betritt der zuständige Pfarrer das Haus und bittet uns im livingroom auf den Sofas Platz zu nehmen. Ich sitze neben Troy’s Mutter, die meine Hand hält und zum Trost leicht drückt. Der Pfarrer beschreibt den exakten Ablauf der Hinrichtung, erzählt wie das Gift wirkt, wie die Lunge platzen wird und das Herz zum Stillstand kommt. Ich höre vereinzelte Schluchzer, Tränen laufen über unsere Gesichter. Anschließend spricht der Pfarrer ein kurzes Gebet.

Wir müssen warten bis es 5 Uhr ist und wir gemeinsam in das Hauptgebäude der "Walls Unit" fahren können. Troy ruft an, spricht mit jedem von uns, verabschiedet sich noch einmal, verspricht mir auf mich zu warten, um mich mit offenen Armen in der Ewigkeit begrüßen zu können. "I am waiting for you and will be here with open arms for you, honey!" – so seine allerletzten Worte.

Beim Verlassen des Hospitality Houses drückt uns der Verwalter ein Päckchen Papiertaschentücher in die Hand ....

Wir fahren ins Hauptgebäude des Huntsville Gefängnisses, in dem die Hinrichtungen stattfinden, werden dort von den zuständigen Offiziellen begrüßt und in den Warteraum geführt. Dort wird die Zeugenliste vorgelesen, jeder muss seine Identität nachweisen. Irene Wilcox, Troy’s spiritual adviser, ist ebenfalls anwesend.

Nach einer halben Stunde kommen drei weibliche Gefängniswärter, begleiten uns zur Toilette, wo jede von uns noch einmal – mehr oder weniger unter Zwang – ihr Wasser zu lassen hat. Danach werden wir untersucht. Arme hoch, Beine spreizen – dann wird abgetastet und noch zusätzlich mit dem detector gecheckt. Wir werden wieder in den Warteraum geführt, lesen Zeitungen, unterhalten uns. Eine lockere, gar nicht traurige Atmosphäre. Die Zeit vergeht, ich habe kein Zeitgefühl mehr und keine Uhr am Arm. Ich frage Irene nach der Uhrzeit. 6.30 Uhr – oh Gott, das kann eine lange Nacht werden – das waren Irene’s Worte.

Wenige Minuten später betritt ein officer den Warteraum – strahlend – und verkündet, der US Supreme Court of the United States hat Troy einen stay gegeben. Wir jubeln, brechen in Tränen aus, jeder ist überrascht, geschockt, erfreut.... wir umarmen uns, weinen gemeinsam.

Dann macht sich jeder schweigsam auf den Rückweg in die Geborgenheit seiner eigenen vier Wände, müde, fassungslos und glücklich ....
Christa Haber

14.12.04:

Texas: Supreme Court hebt Stay für Troy Kunkle auf

Nachdem der US Supreme Court in diesem Jahr zweimal die Hinrichtung von Kunkle im letzten Moment gestoppt hatte, zuletzt mit einer 5-4 Entscheidung am 18. Novemeber, hob das Gericht diesen Stay nun wieder auf.

Kunkles Verteidiger hatten in Anlehnung an vorherige Urteile des Supreme Courts argumentiert, dass bei Kunkles Vefahren die strafmildernden Umstaende nicht hinreichend berücksichtigt worden seien und deshalb sein Fall noch einmal überprüft werden müsse. Der Supreme Court folgte zunächst mehrheitlich dieser Argumentation.

Richter John Paul Stevens, der am 18. November den Stay unterstützt hatte, änderte nun seine Meinung. Er erklärte, dass er davon ausgegangen sei, der US Supreme Court habe das Recht, den Fall noch einmal zu untersuchen. Eine nähere Betrachtung habe jedoch ergeben, dass dieses Recht ausschließlich texanischen Gerichten zustehe.

Stevens: "Das Ergebnis ist bedauerlich, weil es klar zu sein scheint, dass Kunkles Urteil unter Verletzung der Vefassung zustande kam."

Nach dieser Entscheidung kann nun der Staat Texas jederzeit einen neuen Hinrichtungstermin ansetzen. Zwischen Termin und Hinrichtung müssen mindestens 30 Tage liegen.

17.12.04

Als neuer Hinrichtungstermin für Troy Kunkle wird der 19.1.05 festgesetzt.

1.1.05

Kunkles Hinrichtungstermin wird auf den 25. Januar verschoben.

Interview mit Troy Kunkle

Troy Kunkle gab dem deutschen Fernsehsender Pro 7 drei Wochen vor seiner Hinrichtung am 5. Januar 2005, im Besucherraum des Todestraktes der Polunsky Unit in Livingston, Texas ein letztes Interview.

Er spricht über seine Erfahrungen in über 20 Jahren im Todestrakt, darüber, wie er den Tag erlebt hat, an dem seine Hinrichtung erst kurz vor der geplanten Zeit abgesagt wurde, über seine Freundschaft mit Christa Haber und vieles andere mehr.

Hören Sie das Interview hier.

25.1.05:

Hinrichtung von Troy Kunkle

Nachdem bei Troy Kunkles 6. Hinrichtungstermin der US Supreme Court noch einmal über den Fall beraten hatte, wurde Kunkle am 25.01. 2005 -2 Stunden nach dem geplanten Termin - um 20:12 Uhr Ortszeit in Huntsvillle mit der Giftspritze hingerichtet. Das Oberste Gericht hatte mit 5-4 Richterstimmen einen weiteren Aufschub abgelehnt.

 

Die Hinrichtung Troy Kunkles erfüllt uns, die Mitglieder der Initiative gegen die Todesstrafe, mit großer Trauer und großem Zorn.
Durch den ständigen Austausch mit unserer Freundin Christa, die Troy Kunkle in seiner schweren Zeit zur Seite stand, ist uns allen Troys Geschichte sehr nah gekommen.
Wir haben mit Troy und Christa gebangt und gehofft in diesem beispiellos grausamen Hin und Her zwischen Terminen, Verzögerungen, Aufschüben und neuen Terminen.
Wir wünschen Christa viel Kraft, um diese grauenhaften Erfahrungen zu verarbeiten.
Matthias Wippich

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