Überbrückung der Kluft für echten Wandel – Essay von Raymond E. Johnson (Todestrakt Oklahoma)

Raymond Eugene Johnson soll am heutigen 14. Mai 2026 durch den US-Bundesstaat Oklahoma hingerichtet werden. Vor wenigen Tagen schickte er uns den folgenden Text mit der Bitte, seine Gedanken möglich weiträumig zu verbreiten.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Todesstrafe akzeptiert und festgehalten wird – ungeachtet aller Daten und Erkenntnisse, die dagegen sprechen. Im Kern geht es dabei nicht um Daten. Es geht um die Vorstellung und Annahme, dass manche Menschen nicht erlöst oder rehabilitiert werden können.

Anstatt ausschließlich die vollständige Abschaffung der Todesstrafe anzustreben, glaube ich wirklich, dass der richtige Ansatz darin besteht, die Kluft zu überbrücken.

Wie überbrücken wir die Kluft für echten Wandel?

Was meine ich damit? Früher war „20 to life“ ein gängiger Ausdruck für Gewaltverbrechen. Das bedeutete: Wenn man ins Gefängnis kam, sich rehabilitierte und keinen Ärger machte, konnte man nach 20 Jahren auf Bewährung entlassen werden.

Man hatte eine echte Chance auf Erlösung und Veränderung.

Wenn die Gesellschaft meint, dass jemand die Todesstrafe erhalten sollte, dann macht aus dem Urteil doch „Tod zu Leben“.

Denn mit einem Todesurteil geht die Annahme einher, dass ein Mensch jenseits jeder Erlösung steht. Aber was, wenn das nicht stimmt?

Es sollte Programme und Ausbildungswege geben – hart, aber machbar –, durch die jemand nach überprüfbaren Leistungen erreichen kann, dass ein Todesurteil in lebenslange Haft ohne Bewährung (LWOP) umgewandelt wird. Und darüber hinaus sollte es wiederum Möglichkeiten geben, dass dieselbe Person durch die Fortsetzung solcher überprüften Programme erreichen kann, dass auch LWOP in eine reguläre lebenslange Strafe umgewandelt wird.

Dadurch hätte der Staat weiterhin die Möglichkeit, Todesurteile zu verhängen. Aber man würde einzelnen Menschen die Chance geben zu zeigen, dass sie rehabilitierbar sind. Und wenn mehrere Menschen das zeigen …

… dann verändert sich das gesamte Narrativ.

Dann kann man die Diskussion verändern und sagen: Wenn das Department of Corrections tatsächlich auf „Korrektur“ und Rehabilitation statt bloßer Verwahrung setzen würde, dann hätte die Gesellschaft Daten, die zeigen, dass die Todesstrafe nicht notwendig ist – sondern vielmehr echte Resozialisierungsmöglichkeiten.

Man kann niemanden, der heißes Wasser mag, dazu bringen, kaltes Wasser zu mögen – und umgekehrt. Man muss sich in der Mitte treffen: bei warmem Wasser. Darüber kann man verhandeln.

Das könnte die Kluft überbrücken. Denn um das gesellschaftliche Narrativ zu verändern, muss die Gesellschaft einen Maßstab setzen und dann mehrfach erleben, dass Rehabilitation tatsächlich gelingt. Dann gäbe es statistische Belege dafür, dass der Mythos falsch ist, manche Menschen seien grundsätzlich nicht rehabilitierbar.

Lasst uns diese Diskussion ehrlich beginnen. Gesellschaft: Was müsste ein Mensch im Todestrakt tun, damit ihr glaubt, dass er rehabilitierbar ist?

Menschen im Todestrakt: Welche Programme wären notwendig, damit ihr wirklich an euch arbeitet und euch zum Besseren verändert?

Lasst dies der Ausgangspunkt sein.

Death Penalty Action, die American Civil Liberties Union, Gesetzgeber, der Kongress … all das müsste ernsthaft vorangetrieben werden, denn uns geht der Platz aus, immer neue Gefängnisse zu bauen.

Manchmal kennt ein Mensch eben nur das, was er kennt. Also korrigiert ihn und bringt ihm etwas anderes bei.

Ich glaube, dass jeder Mensch rehabilitierbar ist – wenn er die bewusste Entscheidung trifft, ernsthaft nach Erlösung und Veränderung zu streben.

Möge meine Idee eines Tages Wirklichkeit werden. Mögen Menschen die Chance bekommen zu zeigen, dass jeder rehabilitierbar ist, damit die Gesellschaft beginnen kann zu korrigieren statt zu töten.

Namaste
Raymond E. Johnson
Oklahoma Death Row

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