Stories for Life: Von Hass zur Menschlichkeit – Jasmin Blaß
Zum Welttag gegen die Todesstrafe am 10. Oktober 2026

Es gibt einen Moment in meinem Leben, an den ich mich bis heute erinnere.
Nicht an eine bestimmte Uhrzeit oder einen bestimmten Ort. Ich erinnere mich an das Gefühl: den Moment, in dem ich erfuhr, dass mein Vater tot war.
Er war nicht einfach gestorben. Er war ermordet worden – von seiner zweiten Frau, auf qualvolle Weise, in einem Land, in dem die Todesstrafe noch immer Teil des Strafrechts ist.
Ich war seine Tochter. Und plötzlich war da eine Leere, die ich kaum begreifen konnte.
Doch meine Trauer war kompliziert. Mein Vater und ich hatten in den letzten Jahren vor seinem Tod Konflikte. Es gab Dinge zwischen uns, die wir nie ausgesprochen und nie geklärt hatten. Ich dachte, wir hätten noch Zeit.
Zeit für ein letztes Gespräch. Zeit, Fragen zu stellen. Zeit, sich zu versöhnen.
Dann war er tot. Und plötzlich gab es kein „irgendwann“ mehr.
Keine Möglichkeit mehr, etwas zu erklären oder eine Antwort zu bekommen. Unsere Konflikte würden für immer ungeklärt bleiben. Auch das gehört bis heute zu meiner Trauer.
Neben dieser Trauer war jedoch vor allem eines:
Wut.
Hass.
Ich wollte, dass die Frau, die meinen Vater getötet hatte, dafür mit ihrem eigenen Leben bezahlt. Ich wollte, dass sie stirbt. Damals erschien mir das gerecht. Mein Vater war tot – warum sollte seine Mörderin weiterleben dürfen?
Also begann ich, mich mit der Todesstrafe zu beschäftigen.
Zunächst suchte ich nicht nach Argumenten dagegen. Ich wollte verstehen, wie ein Todesurteil zustande kommt und was eine Hinrichtung bedeutet. Dabei stieß ich auf die Initiative gegen die Todesstrafe. Ich begann zu lesen und mich mit Argumenten auseinanderzusetzen, die meiner eigenen Überzeugung widersprachen.
Irgendwann stellte ich mir eine Frage, die ich zuvor verdrängt hatte:
Was würde mir ihr Tod eigentlich bringen?
Mein Vater würde dadurch nicht zurückkommen. Unsere ungeklärten Konflikte würden dadurch nicht verschwinden. Ich könnte ihm nicht noch einmal sagen, was ich ihm sagen wollte. Ich könnte keine Antwort mehr bekommen. Die Vergangenheit würde nicht verändert.
Die Hinrichtung hätte nur eines bewirkt: Ein weiterer Mensch wäre tot. Und andere Menschen würden um diesen Menschen trauern.
Da begann sich meine Haltung zu verändern.
Ich verstand, dass mein Wunsch nach Vergeltung aus meinem Schmerz entstanden war. Er war menschlich – aber er würde nichts heilen. Ich musste lernen, zwischen Gerechtigkeit und Rache zu unterscheiden.
Mein Vater wurde ermordet. Diese Tat werde ich niemals relativieren oder vergessen. Aber ich wollte nicht, dass aus seinem Tod noch ein weiterer Tod entsteht.
So wurde ich zur Gegnerin der Todesstrafe.
Und dann geschah etwas, das ich niemals erwartet hätte: Ein zum Tode verurteilter Mensch trat in mein Leben. Heute nenne ich ihn meinen besten Freund.
Das mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen. Für mich ist es das nicht.
Ich respektiere ihn als Menschen. Ich sehe seine Menschlichkeit, seine Ängste, seine Hoffnungen und seine Geschichte. Aber einen Menschen zu respektieren bedeutet nicht, seine Straftaten zu akzeptieren.
Ich muss eine Straftat nicht gutheißen, um einem Menschen seine Würde zuzugestehen.
Ich muss eine Straftat nicht entschuldigen, um daran festzuhalten, dass auch ein Straftäter ein Mensch bleibt.
Und ich muss schon gar nicht vergessen, was Opfer und ihre Angehörigen erlitten haben.
Gerade meine eigene Geschichte hat mich gelehrt, wie wichtig dieser Unterschied ist. Ich weiß, was es bedeutet, einen Menschen zu verlieren. Ich weiß, wie zerstörerisch ein Verbrechen sein kann. Und ich weiß, dass manche Wunden niemals vollständig heilen. Aber ich weiß heute auch, dass der Tod eines weiteren Menschen meinen Vater nicht zurückbringen würde.
Die Todesstrafe hätte meine Trauer nicht beendet.
Sie hätte unsere ungeklärten Konflikte nicht gelöst.
Sie hätte lediglich einen weiteren Tod geschaffen.
Mein Vater wurde mir genommen. Die Zeit, die wir noch miteinander hätten haben können, wurde mir genommen. Die Möglichkeit, unsere Konflikte zu klären, wurde mir genommen.
Aber ich wollte nicht zulassen, dass dieser Verlust auch bestimmt, wer ich werde. Ich hätte meinen Schmerz in Hass verwandeln können. Stattdessen habe ich gelernt, mit ihm zu leben – und mich trotz allem für das Leben zu entscheiden.
Heute ist ein zum Tode verurteilter Mann mein bester Freund. Und ich bin Gegnerin der Todesstrafe.
Nicht weil ich vergessen habe, was meinem Vater passiert ist.
Sondern weil ich weiß, was es bedeutet, einen Menschen für immer zu verlieren.
Jasmin Blaß