Stories for Life: Mein Brieffreund – ein langer Weg, der sich gelohnt hat – Claudia Beckers
Zum Welttag gegen die Todesstrafe am 10. Oktober 2026

Schon lange bin ich um den Gedanken herumgeschlichen: Starte ich eine Brieffreundschaft mit einem Todeskandidaten? Und mit „lange“ meine ich gut 25 Jahre… Ein Blick zurück: Es mag sich vielleicht kitschig anhören, aber zum ersten Mal so richtig mit dem Thema Todesstrafe in Berührung gekommen bin ich 1995, als ich im Kino „Dead Man Walking“ gesehen habe. Der Film hat mich so gepackt, richtig emotional aufgewühlt. Es hat mich entsetzt, wie man es als gerecht empfinden kann, die Tötung eines Menschen mit einer weiteren Tötung zu vergelten. Wenn Töten falsch ist, per Gesetz verboten, wie kann es dann per Gesetz angeordnet werden? Und dann dieser Verurteilte, der trotz seiner schrecklichen Tat als Mensch dargestellt wird, der Gut und Böse unterscheiden kann, der bereut. Dessen Familie so sehr leidet wie die des Opfers.
Damals war ich noch eine junge Studentin und das Internet noch in den Kinderschuhen, sodass man nicht wirklich viel an Informationen auftreiben konnte. Ich bin Amnesty International beigetreten und habe an einigen Aktionen teilgenommen, aber an eine Brieffreundschaft habe ich mich nicht herangetraut. Ich war mir nicht sicher, ob ich mit einer möglichen Hinrichtung würde umgehen können. Heute weiß ich, dass das eine sinnvolle Einschätzung war, denn mit Anfang 20 wäre ich dafür einfach nicht gefestigt genug gewesen – auch grundsätzlich noch nicht, um einem Todestraktinsassen eine auf Dauer emotional stabile und langjährige Brieffreundin durch alle Höhen und vor allem Tiefen zu sein.
Aus den Augen verloren habe ich das Thema aber nie. Mit Mitte 40 bin ich schließlich durch Zufall auf die Doku-Serie „Im Todestrakt“ von Werner Herzog gestoßen. Darin sprechen die Häftlinge von Brieffreundschaften – und das war der zündende Funke. Zuerst gab es natürlich Gespräche mit meiner Familie. Wir haben Vorbehalte, Bedenken, Sorgen ausführlich diskutiert – nicht nur ihre, sondern auch meine. Ohne meine Familie im Rücken wäre ich das Ganze nicht angegangen, denn mir war schon zu diesem Zeitpunkt vage klar, dass es keine gewöhnliche Brieffreundschaft werden, dass es mich selbst und auch mein direktes Umfeld in durchaus belastende Situationen bringen würde. Doch wie groß der Impact auf mein Leben werden würde, darauf war ich im Traum nicht vorbereitet…
Ich habe im Internet gezielt nach Brieffreundschaftsvermittlungen mit US-amerikanischen Todeskandidaten gesucht und kam direkt auf die Seite der Initiative gegen die Todesstrafe (IgT). Voilà, da waren sie, unzählige Gesuche aus den verschiedenen Bundesstaaten, durch die ich mich gebannt hindurchgelesen habe. Am liebsten hätte ich jedem einzelnen geschrieben. Wie sucht man da einen aus? Ich habe die Seite erstmal wieder geschlossen und all das sacken lassen, was mir dort an Hoffnung, Sehnsucht und Wünschen entgegengeschwappt ist. Aber am nächsten Tag, als ich es nochmal versuchen wollte, ging mir ein Gesuch sofort unter die Haut. Keine Ahnung, warum. Es war nicht außergewöhnlich geschrieben, gar nicht wirklich anders als die anderen. Und trotzdem hat es mich berührt. Ich habe das Sekretariat der IgT um diese Adresse gebeten und mit ganz viel Nervosität meinen ersten Brief aufgesetzt. Wieder verworfen, neu geschrieben.
Was schreibt man denn in so einem ersten Brief? Da liegt ein weißes Blatt Papier vor mir und ich schaffe es nicht mal, die erste Zeile hinzubekommen. Kann ich fragen: „Wie geht es Dir?“ So fängt man doch gewöhnlich einen Brief an. Aber jemandem in seiner Situation diese Frage zu stellen? Ist eine solche Höflichkeitsfloskel nicht schrecklich unpassend? „Hallo, mein Name ist Claudia, ich habe dein Gesuch auf der Seite der GCADP (German Coalition to Abolish the Death Penalty) gefunden, bin 45 Jahre alt, verheiratet…“ – das klingt wie ein Bewerbungsschreiben. Ist auch nicht der Hit.
Ehrlich gesagt, weiß ich heute gar nicht mehr, was ich letztendlich als Start geschrieben habe. Und es war auch vollkommen egal, wie ich inzwischen weiß, denn mein Brieffreund hat sich so sehr über den Brief gefreut, dass er alles daran toll fand und nie darauf gekommen wäre, irgendwas davon unpassend zu finden.
Tatächlich war mein erster Brief nur anderthalb Seiten lang und ich habe schon nach fünf Tagen angefangen, den Briefkasten zu beobachten und auf eine Antwort zu warten. Völlig illusorisch, denn selbst mit Luftpost dauert es rund eine Woche, dann muss der Brief durch die Kontrolle im Mailroom, dann zur Zelle ausgeliefert werden. Und seine Antwort braucht nochmal ungefähr dieselbe Zeit bis nach Deutschland. Als sein Brief schließlich ankam, war ich im Urlaub. Ausgerechnet.
Am Anfang habe ich immer wieder überlegt, was ich schreiben kann und was besser nicht. Sein Leben ist auf diese kleine Zelle begrenzt – tut es ihm weh, von meinem bunten, abwechslungsreichen Alltag zu hören? Von Urlaubserlebnissen, die er nie wieder haben kann? Also bin ich vorsichtig geblieben. Wir haben uns über Politik und Religion unterhalten, über Sport, Bücher, Musik. Aber schon im dritten Brief hat ER angefangen, Fragen zu stellen: Was würdest du für mich kochen? Was würdest du mir in deiner Heimat zeigen? Was machst du am Wochenende? Kannst du mir Fotos von all dem schicken? Ja, natürlich! Gerne!
Eine ganze Weile bestanden unsere Briefe nun darin, dass wir uns gegenseitig von unserem ganz normalen Leben erzählt haben – er sowohl von seinem vor dem Gefängnis als auch dem Alltag auf der Death Row. Ich habe dabei so viel über die USA gelernt! Und er über Deutschland, aber auch über andere europäische Länder, denn von überall, wo ich unterwegs bin, schicke ich ihm Fotos und erzähle, was ich dort sehe und erlebe.
Er sagt mir immer wieder, dass er durch mich all das sehen kann, was ihm selbst nicht mehr möglich ist. Dass er sich dadurch wieder lebendiger fühlt. Dass es ihm immer ein Lächeln aufs Gesicht zaubert und er sich ausmalt, genau dort zu sein. Und mir ist es wichtig, zumindest ein bisschen Positives in sein Leben zu bringen. Ich kann ihn spüren lassen, dass er mir viel bedeutet und mich seine Persönlichkeit, seine Gefühle und seine Gedanken interessieren. Dass er eben nicht nur noch eine Nummer ist, die bis zum Tag X am Leben erhalten wird, um letztendlich getötet zu werden.
Inzwischen schreiben wir uns fast jeden Tag über den Gefängnis-Messenger-Dienst und telefonieren oft. Seit die Gefängnisse auf diese digitalen Möglichkeiten umgestellt haben, ist das ganze zwar deutlich kostspieliger geworden – all they do is making money from the loved ones, wie er es so sarkastisch formuliert – aber auch sehr viel intensiver. Und mal ehrlich: Wir „loved ones“ sind doch gerne bereit, das Geld zu investieren, denn es hilft unseren Brieffreunden so sehr, dass sie jetzt mehr menschliche Nähe spüren können. Und wir fühlen uns gut, wenn sie sich gut fühlen.
Aus einem Brieffreund, mit dem ich ein bis zwei Mal im Monat geschrieben habe, ist über die Jahre ein echter Freund geworden. Wir sprechen über so viele Dinge, die auch mir guttun. Er ist ein fester Bestandteil meines Lebens, ein Mensch, der dazugehört. Wie oft zücke ich mein Handy, knipse etwas und schicke es ihm – so, wie ich es auch mit meinen anderen Freunden und Familienmitgliedern über WhatsApp mache.
Ach ja, die Tat. Das ist das Einzige, worüber wir tatsächlich noch nicht gesprochen haben. Ich habe ihn nie danach gefragt, denn für mich spielt es einfach keine Rolle. Und von sich aus hat er es auch noch nie angesprochen. Einmal klang durch, dass er glaubt, ich wüsste es. Ich habe ihm erklärt, dass ich seinen Namen noch nie im Internet gesucht habe, denn das fühlt sich für mich so an wie hinter seinem Rücken herzuspionieren. Es ist SEIN Recht zu entscheiden, was ich über ihn erfahren soll und was nicht – nicht meines. Ich freue mich, wenn er mir eines Tages davon erzählt, aber es würde nichts daran ändern, wie ich ihn sehe.
Eine Brieffreundschaft mit einem Todeskandidaten – würde ich es nochmal machen? Ja, auf jeden Fall. War es richtig, so lange zu warten? Definitiv. Ist es so, wie ich es mir vorgestellt habe? Nein – es ist viel mehr. Da ist ein neuer Mensch in mein Leben gekommen, der mir sehr wichtig ist. Der oft in meinen Gedanken ist. Aber es ist nicht immer nur schön. Für ihn in seinen dunklen Stunden da zu sein, verlangt mir viel Energie ab: die Hoffnungslosigkeit auszuhalten, die zwangsläufig immer mal wieder hochkommt. Seine Einsamkeit, die man manchmal auch mit einem Telefonat nicht überwinden kann. Oder meine eigene ohnmächtige Wut über die Ungerechtigkeiten, die im Gefängnis an der Tagesordnung sind.
Dem Verstand ist bewusst, dass diese Seiten zu einer solchen Brieffreundschaft dazugehören, aber wenn du es dann tatsächlich erlebst, bist du nicht auf die Wucht vorbereitet, mit der dich die Emotionen überrollen. Du bleibst stark in dem, was du schreibst, aber du weinst, während du tippst. Du machst Mut am Telefon, aber wenn du auflegst, sinkst du in dich zusammen und lässt deinen Gefühlen freien Lauf. Manchmal weint man auch zusammen, denn auch das gehört zu einer Freundschaft dazu. Und es gibt eben einfach auch Situationen, wo es nichts mehr zu sagen gibt und gemeinsame Tränen helfen können.
Über das Ende, jenen Tag X, habe ich mir noch keine konkreten Gedanken gemacht. Ich möchte ihn nicht „planen“, denn das kann man nicht. Wie alle Häftlinge und ihre Angehörigen samt Freunden hoffe auch ich auf juristische Kniffe, die das Urteil abändern mögen, oder einfach nur auf Gnade und die Umwandlung in lebenslänglich, so gering die Chancen auch sind. Aber wenn es so weit kommen sollte, dann werde ich für ihn da sein. Und zwar genau so, wie er es braucht und sich wünscht.
So weit ist es aber zum Glück noch nicht. Also genieße ich unsere Freundschaft genauso wie er es tut, nehme mein eigenes Leben viel bewusster wahr und weiß die Annehmlichkeiten, Freuden und auch die kleinen Augenblicke meines Alltags deutlich mehr zu schätzen als zuvor. Mein Pen Pal aus dem Todestrakt hat mein Leben nicht nur verändert, er hat es bereichert.
Claudia Beckers
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Lars
Ich finde dass sie kein Recht hat auf…
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