Stories for Life: „Meine Geschichte mit…“ – Silke Diebold
Zum Welttag gegen die Todesstrafe am 10. Oktober 2026

Meine Geschichte mit Mike
Mein behütetes Aufwachsen und die Dankbarkeit für mein eigenes unbeschwertes Leben haben in mir den Wunsch geweckt, Menschen zur Seite zu stehen, die weniger Glück hatten. Durch meinen beruflichen Wechsel in eine soziale Einrichtung wurde mir noch deutlicher bewusst, wie wertvoll Unterstützung für abhängige und benachteiligte Menschen ist. Auf der Suche nach einem Ehrenamt stieß ich auf die Möglichkeit einer Brieffreundschaft mit einem zum Tode verurteilten Menschen. Trotz anfänglicher Ängste vor der begangenen Tat und der drohenden Hinrichtung entschied ich mich über die Initiative gegen die Todesstrafe, Michael zu schreiben – einem Mann, der kaum Kontakte nach draußen hatte und dessen Gesuch mich tief berührte.
Was im März mit einem zögerlichen, drei Seiten langen Brief begann, hat mein Leben nachhaltig verändert. In Mike habe ich nicht nur einen aufgeschlossenen Gesprächspartner, sondern einen wahren Freund gefunden. Wir schreiben uns fast täglich über CorrLinks oder telefonieren, erzählen uns alte Geschichten aus unserem Leben und können trotz der Umstände wunderbar miteinander lachen. Gleichzeitig sind wir in schweren Momenten uneingeschränkt füreinander da. Er hört mir zu, teilt meine Sorgen und gibt mir wertvolle Ratschläge mit auf den Weg.
Durch ihn habe ich erst wirklich begriffen, was es bedeutet, seiner Freiheit vollständig beraubt zu sein. Mike lebt auf kleinstem Raum, wird bei allem rigoros eingeschränkt und ist tagtäglich auf die wechselnden Launen der Wärter angewiesen. In dieser harten Umgebung, geprägt von ständiger Entbehrung und Fremdbestimmung, ist er zu einem sehr gläubigen Menschen geworden, was ihm einen tiefen inneren Halt gibt. Er ist Mitgründer von JACK’D4JESUS – einer Gruppe von Inhaftierten, die anderen Insassen hilft, von Drogen und Sucht loszukommen. Gemeinsam widmen sie sich einem Leben mit Sport, gesunder Ernährung sowie dem Bibelstudium.
Unabhängig von der Tat, die er begangen hat: Kein Mensch sollte unter Bedingungen existieren müssen, die so sehr die Menschenwürde verletzen. Mike ist ein fester Bestandteil meines Lebens geworden, und diese besondere Freundschaft gibt mir die Kraft, mich weiterhin entschlossen für die Abschaffung der Todesstrafe einzusetzen.
Meine Geschichte mit Silke
Ich sitze nun schon seit 28 Jahren im Todestrakt. Das ist mehr als die Hälfte meines Lebens. Die meisten dieser Jahre verbrachte ich mit dem Gefühl, einsam und verlassen zu sein. Mit den Jahren begann ich, die Hoffnung in alles zu verlieren. Für mich schien es, als ob sich niemand um mich kümmern würde. Es gab dort sogar eine Zeit, in der ich begonnen hatte, Gottes Liebe in Frage zu stellen. An einem Ort, der dazu gedacht ist, den Geist eines Menschen zu brechen, war ich gebrochen. Der Gedanke, meine Berufungen aufzugeben, begann sich wie eine gute Option anzuhören. Mein Argument: Warum jahrelang ohne Ende leiden, nur um am Ende ermordet zu werden? Hoffnung. Liebe. Mitgefühl. Barmherzigkeit. Nein, das waren Worte, die mir fremd geworden waren. Gott muss meine Schreie gehört und mir eine Nachricht geschickt haben.
Eines Tages, als ich auf meiner Pritsche saß und die Wände anstarrte, reichte mir ein anderer Insasse ein Stück Papier und sagte mir, ich solle an diese Adresse schreiben. „Frag nach einem Brieffreund“, sagte er. „Jemand in Deutschland wird dir schreiben.“ Ich hatte diese Brieffreundschafts-Sache vorher schon einmal ausprobiert, ohne viel Erfolg. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich einfach nur sehen, ob sich da draußen wirklich jemand kümmerte. Also beschloss ich dieses Mal zu schreiben, was ich wirklich fühlte. Kein Schönreden dieses Mal. Das Leben hier war beschissen, und ich klammerte mich kaum noch an meinen Verstand. Wenn auch sonst nichts, wüssten die Leute wenigstens, woran ich bin.
Der Brief, den ich schrieb, war erbärmlich und voller Frustration. Ich hatte wirklich nicht erwartet, dass jemand auf meine Anzeige antworten würde. Aber eines Tages hat jemand geantwortet.
Meine Freundschaft mit Silke war der belebende Auftrieb, den ich schon so lange gebraucht habe. An einem Ort, der mir fast das Leben ausgetrieben hätte, hat Silke mir gezeigt, dass es Menschen gibt, die sich kümmern und bereit sind, das auch zu beweisen.
Sie hat mich vom Boden aufgehoben, meine Wurzeln neu gepflanzt und mich stabilisiert, damit ich wieder stark heranwachsen kann. Heute reden, scherzen und spielen wir, als wären wir seit unserer Kindheit befreundet. In ihr habe ich jemanden gefunden, der meinem eigenen Wesen ähnlich ist. Dem Wesen, von dem ich vergessen hatte, dass es existiert.
Silke Diebold
und Mike